Heimat und Heimat – Zwischen den Kulturen

Wenn man in den Urlaub fährt oder fliegt, dann ist es normalerweise so, dass man die Landessprache wenig oder gar nicht beherrscht. In den seltensten Fällen spricht man zufällig ein wenig Spanisch, Französisch oder Italienisch. Es ist relativ normal, dass man NICHT versteht oder sich auf Englisch unterhält. Doch wie ist es für diejenigen unter uns, die zwar in Deutschland heimisch sind, vielleicht sogar hier geboren worden sind, aber nunmal nicht wie der deutsche Durchschnittsbürger aussehen oder nunmal sind? Politisch nennt man uns „Deutsche mit Migrationshintergrund“. In der Schule, bei der Arbeit mit perfektem Deutsch – zu Hause mit köstlichen, authentischen kulinarischen Feinheiten aus dem Heimatland der Eltern. Wenn die Familie ihre Pizza mit der Schere schneidet, ihr Spiegelei mit Maggi und Koriander würzt und zum Kochen Stäbchen verwendet – jede Nationalität bringt so ihre kleinen Eigenheiten mit sich [Was sind eure kleinen Besonderheiten? Postet Sie!].

Ein Anstoß für diesen Blogpost ist einerseits ein Artikel, den Thuy einmal über das Leben als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ verfasst hat, als auch mein eigener Urlaub in Vietnam. Was genau ist denn nun die Heimat? Ist es das Deutschland, in dem man geboren wurde und dessen Sprache man perfekt beherrscht – aus dem man aber auf den ersten Blick nicht „herkommt“, weil man eben nicht wie der Durchschnittsdeutsche aussieht? Oder ist es das Vietnam – da wo die Eltern herkommen und man – auch wenn man im Urlaub ist – die Menschen einfach mal verstehen kann, aber diese einem sofort ansehen [Weil helle, weiße Haut und größer als 1,60m?] und „anhören“ [Weil Mega Dialekt und Fehlen mancher Vokabeln?], dass man nicht „von dort“ ist?

Was ist das schon für ein Gefühl, wenn mir jemand hier in Deutschland ein Kompliment macht: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – Ja, danke. Sie auch? Das ist wie: „Du kannst ja toll atmen!“ Auch wenn dieses Kompliment einfach nur freundlich gemeint ist – Ist es nicht eigentlich selbstverständlich, eine Sprache zu beherrschen, in dessen Land man geboren wurde? Oder wie normal es einfach ist, als ChingChangChong angemacht zu werden. Bin ich jedoch in Vietnam unterwegs, so weiß jeder sofort: Das ist eine Viet Kieu – in einem Ton, der politisch nicht korrekt klingt. Als Vietnamesin, die nicht in Vietnam lebt – muss man doch Kohle haben – also können wir die ja auch mal abzocken! Wobei ich persönlich ja nicht mal als Vietnamesin, die außerhalb Vietnams lebt, identifiziert werde. Die meisten hielten mich für eine Japanerin, Koreanerin oder einen Europäisch-Irgendwas Mischling, sodass es teilweise hieß „Lass die mehr bezahlen“ – und du antwortest nur: dafuq, verarsch mich nich, ich kann dich verstehen? War ganz konkret bei einer Kokosnuss so – die nannte mir 60.000 Dong (~2-3€) als Preis, woraufhin ich antwortete: Warum ist n das so teuer? Da zahl ich ja in Deutschland weniger dafür? Woraufhin nur kam: Oh du bist Vietnamesin – naja dann kostet es nur die Hälfte (und selbst das ist immer noch zu teuer für dortige Verhältnisse). Wollen wir mal von dieser Mentalität absehen und kommen auf das „Heimat“-Thema zurück. In Deutschland heißt es „Sie sprechen aber gut Deutsch […so als Ausländerin]!“ und in Vietnam bekomme ich ebenfalls zu hören „Du sprichst aber gut Vietnamesisch […so als Ausländerin]!“. Ja – nun, was soll ich dazu sagen – ich will nicht dafür gelobt werden eine Sprache zu sprechen, wenn die Sprache doch zu meiner Heimat gehören soll. Ehrlich gesagt empfinde ich es hier auch eher als eine Frechheit, wenn man mir so kommt, als wenn es mir „dort“ jemand sagt, wie toll ich die Sprache denn sprechen könne. Denn in Deutschland sollte man es ja mittlerweile wohl gewohnt sein, dass überall „ausländisch aussehende Menschen“ heimisch sind – schließlich ist dieses Land genügend diversifiziert – während das in Vietnam de facto nicht der Fall ist – da kommen höchtens mal ein paar Backpacker, Touristen und ganz selten Auswanderer hin – da ist man es eben noch nicht so gewohnt „Ausländer“ zu sehen (zumindest in ländlichen Gegenden). Also – was ist schon Heimat? Was ist Heimat für euch? Im Endeffekt dreht sich doch alles wieder um das eine Thema: Heimat ist da, wo die Menschen, die du liebst alle zusammenkommen.
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16 thoughts on “Heimat und Heimat – Zwischen den Kulturen

  1. Sehr süßes Shirt. 😀

    Ich kann da leider nicht mitsprechen, weil meine Ahnen vor so langer Zeit nach Deutschland gekommen sind, dass ich absolut keine Verbindung zu Polen habe und man es selten überhaupt mitbekommt, dass man potentiell anders ist (das ich anscheinend leicht slawisch aussehe hat sich wieder gezeigt, als mich in der Pekinger U-Bahn 2 Minuten lang eine Russin vollquatschte bis sie endlich kapiert hat, dass ich kein Wort verstehe… O_o)

    Dass das mit der Abzocke in Vietnam so schlimm ist, haben wir schon gehört. Ein paar Freunde waren dort, ihnen gefiel das Land, aber sie würden trotzdem nie wieder hin, weil sie meinten, sie hätten wirkich ununterbrochen mitbekommen, dass irgendwelche Leute den letzten Dong aus sie quetschen wollten als Ausländer. In China ist es zwar ähnlich in Touristenmärkten, aber wenn man mal dort hin geht, wo die EInheimischen einkaufen, hauen die nicht ein paar Extra Yuan oben drauf.

    Und in Sachen „Sie können aber gut Deutsch!“ – Klar ist das super doof, vor Allem bei euch, wo schon von jeher ein großer Ausländerteil vorherrschte, so dass man eigentlich daran gewohnt sein sollte, dass in Deutschland aufwachsende Ausländer natürlich auch gut Deutsch sprechen, aber vielleicht dachte die Person in der Situation ja auch, dass du eben nicht in Deutschland aufgewachsen bist, bzw. kommt es oftmals ja auch vor, dass sich Ausländer (ob nun in Deutschland oder hier in China mit Deutschen) zusammen rotten und eine Community so eng ist, dass viele Kinder/Jugendliche oftmals nur in der Schule Deutsch hören und ihre sprachlichen Fähigkeiten somit nicht wirklich ausgereift sind. Aber da mag ich auch nicht der erste sein, der den Stein wirft. Mein Chinesisch wird anhand meines Umgangs mit Ausländern und, vor Allem, deutschen Freunden, nicht wirklich besser. 😀

    So, Peace out.

    1. ja -d as stimtm aber schon. ich hatte mal eine nachhilfeschülerin – die mutter wollte, dass ich ihr deutsch beibringe… sie hatte nämlich nur umgang mit anderen vietnamesen oder halt eben anderen „ausländern“ , deren deutsch auch nicht gut ist…. da hab ich mir halt auch meinen teil gedacht…

  2. Schöner Beitrag, war interessant zu lesen. Ich bin nur „langweilige“ Deutsche und kenne diese „Probleme“ daher nicht. Schön, wenn man mal andere Einblicke bekommt, um einander besser zu verstehen 😉

  3. Oh ja, wir „Deutschen mit Migrationshintergrund“ und unsere Probleme … ^_^
    Dieser positive Rassismus (auch wenn die es nicht so meinen) geht mir manchmal auch echt auf die Nerven. Aber witzig ist ja, dass du für japanisch, koreanisch, gemischt usw. gehalten wirst. Bei mir ist es meist thailändisch oder vietnamesisch (liegt wohl an meiner dunkleren Hautfarbe T_T). ^^

  4. Ich hab dasselbe T-Shirt (haben wahrscheinlich alle Vietnamesen hier :D).
    Bei mir ist es so, dass ich oft unterschätzt werde/wurde. Nicht von Lehrern, Mitschülern etc, sondern von Leuten, die mich nicht wirklich kennen und denken, dass man nichts drauf hat.
    Jaaa Maggi ist das Allheilmittel, wenn ich mal nicht zur Fischsauce greife, die Pizza schneide ich mit der Schere und ich koche nur mit Stäbchen. Diese Merkmale würden meine Mitbewohner sicher aufzählen, wenn sie mich beschreiben müssten :D.

  5. Sehr interessanter und toller Post, Mici. Du sprichst mir aus der Seele.
    Es kommt tatsächlich nicht selten vor, dass man auf der Straße sogar teilweise auf Englisch angesprochen wird, weil die Leute wegen des Äußeren nicht denken, dass man in Deutschland geboren sein könnte. Ist für mich auch nicht weiter schlimm. Aber wenn man dann anfängt, auf Deutsch zu antworten, wundern sich die meisten tatsächlich, dass man die Sprache so gut beherrscht und kommen meist gar nicht auf die Idee, dass man eigentlich Einheimischer ist. Das wiederum finde ich manchmal sehr erstaunlich, da Deutschland ja doch ziemlich multikulturell ist , weshalb man mit solchen Reaktionen doch nicht unbedingt rechnet.

    Pizza mit der Schere schneiden, Maggi aufs Brot und alles Alte wiederverwerten. Seien es Eiscremeschachteln order Essen .. sogar Zahnbürsten kann meine Mutter nicht wegschmeißen. Kommt mir alles sehr bekannt vor. Solche Tatsachen finden Deutsche, aber auch Nicht-Asiaten meistens sehr erstaunlich und skurill. Für uns aber total normal. Man muss sich dann aber auch fragen wieso. Was die Wiederverwertung angeht: meine Eltern bewahren beispielsweise alles mögliche auf oder verwerten Sachen neu, weil sie in Vietnam einfach nicht diesen ganzen Luxus hatten und ein schlechtes Gewissen hätten, alles wegzuschmeißen, was man ja vielleicht noch gebrauchen könnte. Naja und dass wir Pizzen mit der Schere schneiden, oder auch Toast – das ist doch mehr oder weniger einfach ein „gesellschaftliches Ding“. Wenn man darüber nachdenkt, ist es doch vollkommen egal, ob man ne Pizza mit einer Schere oder einem Messer schneidet, es erfüllt doch beides seinen Zweck. Meiner Meinung nach ist es mit einer Schere einfacher. 😉

    Insgesamt fühle ich mich mehr deutsch als vietnamesisch, da ich hier aufgewachsen. Aber was mir auch aufgefallen ist, dass ich mich trotzdem in Kreisen von Leuten der selben Kultur meistens sehr viel heimischer, verbundener und vertrauter fühle. Ich denke es hat sehr viel mit Nostalgie und Euphorie zu tun. Man teilt einfach ähnlich kulturelle Besonderheiten, was Leute mit anderem kulturellen Hintergrund meistens nicht so gut nachvollziehen können. Als ich z.B. deinen Post gelesen habe, musste ich ein wenig in mich hineinkichern, da mir die Begebenheiten, die du beschrieben hast, einfach sehr, sehr bekannt vorkommen.

    Ich fühle mich hier in Deutschland eigentlich schon wie zu Hause. Du hast vollkommen Recht, wenn du sagst, dass es nicht der Ort ist, der Heimat ausmacht, sondern die Menschen, die man um einen herum hat.

  6. Kommt mir alles seeehr bekannt vor -.-“ Früher hab ich mich auch übelst über solche Kommentare (Chingchangchong etc) aufgeregt, mittlerweile hör ich da nicht mehr hin. Menschen sind halt blöd, punkt.
    Ich fühl mich sowohl in VN als auch in D heimisch, aber es kommt auch darauf an mit welchen Leuten ich gerade bin. Wenn mich die Leute als Ausländer behandeln fühl ich mich auch so, aber sonst eig nicht. Haha Mir ist übrigens erst aufgefallen, dass Pizza mit der Schere schneiden was „unnormales“ ist. Habs gemacht als ich in einer WG gewohnt hab und die haben alle geschaut , von wegen ich solle doch ein Pizzamesser nehmen, wtf? Schere geht viel schneller 😀 Oder meine tollen Tupperdosen, die ähm.. Eiskremschachteln waren O_o Jaja

  7. Ein sehr gelungener Post :D!

    Ich habe „leider“ das Problem, dass ich zu denen gehöre, die einen vietnamesischen Familiennamen haben, aber Chinesen sind. Da ist es für mich manchmal doppelt schwer direkt sagen zu können, woher ich komme. „Deutsche mit Migrationshintergrund“ ist mir zu lang; Chinesisch (Kantonesisch) spreche ich nur, habe aber nicht mehr mit der Kultur zutun und aufgewachsen bin ich eher Vietnamesisch (Essen, Erziehung etc), weil meine Eltern dort geboren wurden. Mittlerweile entscheide ich einfach spontan, was ich sage (Je nachdem, wer vor mir steht.).

    Das mit den Preisen kenne ich zugut! Vor allem, wenn sie glauben, dass man ihre Sprache nicht versteht. War mal in London mit einer Freundin auf einem Markt und wollten eine Tasche bei Chinesen kaufen. Haben natürlich Englisch gesprochen, doch dann fingen die beiden Verkäufer auf Kantonesisch an darüber zu reden, dass wir doch nur unwissende Ausländer seien und man uns ruhig über den Tisch ziehen könne. Auch in Vietnam. Waren Shoppen und plötzlich wuselten sich ALLE Verkäufer um mich und meine Familie und wollten uns T-Shirts, Hosen etc andrehen, obwohl wir uns nur umgesehen haben. Da wir in der Familie Kantonesisch sprechen, haben sie direkt ihre 3 Wörter rausgepackt, die sie auf der Sprache konnten (Sowas wie hübsches Mädchen, hübscher Mann etc), haben sich aber untereinander auf Vietnamesisch unterhalten, dass sie alle versuchen sollten soviel Schotter wie möglich aus uns rauszuholen. Tja. Schade, dass meine Eltern jedes Wort verstanden haben.

    1. oh man… bei dir kommt ja „noch“ eine ecke dazu 😀 klingt wirklich sehr, sher interessant!
      … das ist echt doof, wie man dann vorgeführt bekommt, dass man „nicht dazu“ gehört irgendwie…

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