Mein Sabbatjahr – Warum, Weshalb, Wieso?

Fotos von: Malandro Photodesign

Seit 6 Jahren sage ich, dass ich es bereue. „Es“ bedeutet in diesem Fall, dass ich weder in der 11. Klasse einen Schüleraustausch gemacht habe, dass ich weder nach der Schule ein Work & Travel gemacht habe, kein Auslandssemester gehabt habe und mir überhaupt keine Selbstfindungsphase / Auszeit eingeräumt habe. Ich habe im Juli 2009 mein Abi abgeschlossen und im August 2009 mein Studium und meinen Job angetreten. Seitdem habe ich nicht länger als 2 Wochen am Stück freigehabt. Ich habe 3 Jahre lang (Bachelor + Berufsausbildung) meine 30 Tage Urlaub so aufgeteilt, dass ich etwas 2/3 dafür aufgewendet habe zu Hause zu sitzen und für Prüfungen zu lernen und bin sonst arbeiten gegangen. Samstags saß ich in der Uni. Ich habe immer darauf geachtet viel Freizeit mit Freunden, Feiern und Spaß zu verbringen, denn man soll ja auch „leben“, richtig? Die Studienzeit ist wirklich richtig toll gewesen und ich würde dieses Studium jederzeit wieder antreten und es anderen Leuten empfehlen. Man verdient Geld, man lernt von erfahrenen Menschen – direkt in der Praxis und muss sich nicht in einem miesbezahlten Job rumschubsen lassen. Den berufsbegleitenden Master habe ich seit letztem Jahr endlich hinter mich gebracht und ganz ehrlich? Zum Ende des Studiums bin ich an meine Grenzen geraten – zwischendrin habe ich häufig darüber nachgedacht es zu schmeißen – den Master neben meiner Festanstellung her zu machen hat mir absolut keinen Spaß gemacht, ich habe das Gefühl gehabt, dass mir das „Lernen“ für die Uni nun deutlich schwerer fällt, als es noch 2 Jahre zuvor gewesen ist und zum Ende hin hat es mich nur noch ausgelaugt (Das Alter :P). Aber ich bin wirklich froh und stolz, dass ich es bis zum Ende durchgezogen habe.

„Die hat nichts anderes im Kopf als…“

Was bei mir in dieser ganzen Zeit zu kurz gekommen ist, holte ich 2016 nach. Ich gab all mein Geld für’s Reisen aus und das was übrig blieb, sparte ich für die nächste potentielle Reise. In diesem ganzen Jahr ist es immer schwerer geworden – besonders nachdem man von einer Reise zurückgekommen ist – das Gefühl zu unterdrücken, dass ich etwas nachholen muss, was mir bis dato zeitlich und finanziell einfach nicht in den Kram gepasst hat. Dieser Blogpost hier ist schon eine ganze Weile im Entwurfsmodus und ich habe immer wieder etwas daran  geändert und ich habe ihn immer wieder verworfen. Genauso wie den Gedanken an eine Auszeit. Ich habe es immer bereut, dass ich nach der Schulzeit kein Auslandsjahr gemacht habe oder während dem Studium kaum gereist bin. Aber wenn man einmal im Berufsleben ist und ein volles Gehalt verdient, dann ist die Überwindung darauf [auf finanzielle Sicherheit!] zu verzichten ganz schön groß. Schließlich gewöhnt man sich an seine Wohnung, Essen gehen, Shoppen etc. Trotzdem war es für mich schon immer klar, dass ich an irgendeinem Punkt in meinem Leben einfach auch mal nur Zeit für mich brauche…Am „Schlimmsten“ ist es nach meiner Finnlandreise im Juli geworden, die letztendlich wahrscheinlich auch der Tropfen war, der das Fass zum überlaufen gebracht hat. Und dann war die Entscheidung getroffen.

Was ist ein Sabbatjahr überhaupt?

Ich bin schon immer eine Person mit einem gewissen Sicherheitsbedürfnis gewesen. Ich bin nicht der Typ dafür einfach den Job zu schmeißen ohne an die Zukunft zu denken. Deswegen habe ich die Möglichkeit genutzt ein Sabbatical in Anspruch zu nehmen. Das bedeutet, dass ich mein Arbeitsverhältnis für ein Jahr ruhen lassen kann und danach frisch erholt, voller neuer Eindrücke, wieder zurückkommen kann. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir mein Arbeitgeber diese Möglichkeit gewährt und bin auch unheimlich glücklich darüber, dass das alles so geklappt hat. Die meisten meiner Kollegen sind älter als ich, haben bereits Auslandserfahrung gesammelt, sind viel mehr gereist, haben diesen Punkt in ihrem Leben bereits hinter sich gebracht, sodass das mir entgegengebrachte Verständnis mich ziemlich überrumpelt hat. Es gibt verschiedene Varianten eines Sabbatjahres – in meinem Fall handelt es sich um „ein Jahr unbezahltem Urlaub“.

Was möchte ich in meinem Sabbatjahr machen?

Ich träume zwar von einer langen Weltreise, allerdings habe ich hier zu Hause auch Freund, Familie, Freunde und Hund sitzen, die ich unheimlich vermissen werde. Ich bin ein sehr heimeliger Mensch und würde es nicht aushalten ein ganzes Jahr einfach nur weg zu sein. Eine gemeinsame Weltreise steht momentan auch nicht zur Diskussion. Ich möchte meine zwei Leidenschaften in diesem Jahr intensiver ausleben. Das bedeutet, dass ich Reisen und Fotografieren möchte, was das Zeug hält. Zudem möchte ich auch meinen Lebensunterhalt mit dem Fotografieren (zum Teil!) verdienen und mir so ein zweites, stabiles Standbein schaffen. Ich möchte aber nach jeder Reise wieder zurück kommen und einfach zu Hause sein, die Eindrücke verarbeiten.

Was spricht gegen ein Sabbatjahr, was spricht dafür?

Es wäre naiv zu glauben, dass ein Sabbatical ausschließlich Positives mit sich bringt, denn das hängt immer von der eigenen Lebenssituation ab und vor allem auch davon wie das eigene Unternehmen tickt. Ich wurde auch von einer Bekannten gefragt, was das denn für einen Sinn haben würde, weil man dafür ja kein Geld bekommen würde – jeder muss selbst wissen an welcher Stelle Selbstverwirklichung und an welcher Stelle finanzielle Sicherheit für ihn steht. Wenn ich Kinder hätte oder andere Verpflichtungen, dann würde ich auch anders entscheiden. Bei mir gab es – an diesem Punkt meines Lebens – folgende Aspekte:

Contra:

  • 1 Jahr kein gesichertes Einkommen = ein finanzielles Loch im höheren 5-stelligen Bereich.
  • Alle Sozialversicherungen, Unfallversicherungen muss man selbst tragen oder lässt es sausen. (Techniker Krankenkasse: 170€/ Monat ; Rentenversicherung: 80-90€/Monat; Unfallversicherung 50€/Jahr)
  • Normalerweise nehmen sich Mittdreißiger ein Sabbatjahr – ich will eins als Mittzwanziger, kommt das schlecht an? Wird man dafür schief beäugt?
  • Was Unvernünftiges tun.
  • Es ist scheißteuer!!!

Pro:

  • Zeit.
  • Neues. Menschen, Kulturen, Natur.
  • Was richtig Unvernünftiges / Unkonventionelles tun. Vielleicht auch Scheiße bauen, daran wachsen.
  • Aus der Comfortzone raus. Aus Unsicherheit lernen. Etwas wagen.
  • Etwas nachholen, was ich schon lange will, aber nie gemacht habe.
  • Etwas nur ganz für mich allein tun.
  • Sich die Zeit nehmen, um Träume zu verwirklichen.
  • Glücklicherweise ist es in unserem Unternehmen vermehrt der Fall, dass sich die Jüngeren ein Sabbatical nehmen. Dadurch, dass hier ein Großteil der Akademiker ohnehin schon mit 19/20 ins Berufsleben eingestiegen ist, geht uns auch nichts „verloren“.

Meine Bucket List für das Sabbatjahr

Eine Bucket List ist eigentlich noch mal ein ganz neuer Blogpost – zudem will ich die Bucket List auch nicht nur für dieses eine Jahr schreiben, sondern sie darüber hinaus zum Ziel nehmen. Ganz grob möchte ich ganz viele „First Times“ erleben, vor allem im Bereich Sport & Destinationen. Mich interessiert Wassersport unheimlich. Außerdem möchte ich viel Eigeninitiiative im Bereich Fotografie zeigen – ich will Menschen kontaktieren und auf eine Antwort hoffen. Ich will mir Gelegenheiten selbst erschaffen. Und vor allem will ich unheimlich viele coole Inhalte für diesen Blog generieren.

Was ist in meinem Sabbatjahr zu beachten?

Ihr könnt zahlreiche Ratgeber im Internet finden, in denen ganz allgemein beschrieben wird, was man beachten sollte, wenn man sich ein Sabbatical nehmen möchte. Ich möchte hier und heute nur darauf eingehen, was ich ganz persönlich gemacht habe und was in diesem Prozess von Relevanz gewesen ist – quasi meine persönliche Sabbatjahr-Checkliste und wie man ein Sabbatjahr plant. Ich erhebe damit auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Sabbatjahr beantragen: Bei uns muss man ein Sabbatjahr mindestens 3 Monat vorher beantragen. Ich persönlich habe meinem Chef etwa 1 Jahr vor dem Sabbatjahr schon zu verstehen gegeben, dass ich mir „irgendwann“ eine Auszeit nehmen möchte oder zumindest eine Auslandshospitation durchführen möchte. Zu dem Zeitpunkt war dieser Gedankengang alles anderes als konkret. Ich habe ihm dann etwa 6 Monate vor meinem Sabbatjahr meinen Wunsch geäußert und gesagt, dass es nun konkreter ist und ich zum 01.03. das Sabbatjahr antreten möchte.
  • Familie & Partner einbinden: Man reißt ein großes Loch in den geregelten Tagesablauf – man bricht aus und will eventuell auf Reisen gehen, weg sein oder sonstiges. Man wird weniger Geld zur Verfügung haben. Das sollte man mit Partner und Familie besprechen. Wenn man Kinder hat oder plant, wenn man Kredite zu bezahlen hat oder sonstiges. Man sollte niemanden vor vollendete Tatsachen stellen, sondern es ausgiebig diskutieren und erläutern. Man muss seine Lieben „abholen“ und ihnen die Sorge nehmen. Gerade meine Eltern sind eher konservativ und sie kennen das Konzept „Sabbatjahr“ einfach nicht. Deswegen hilft hier nur erklären und miteinander zu reden, um Verständnis zu erzeugen.
  • Versorgung sichern: Ich spare schon seit ich 17 bin, mal mehr mal weniger. Aber zu dem Zeitpunkt, zu dem ich beschlossen habe dieses Sabbatjahr ganz konkret in Anspruch (etwa Juni 2016) zu nehmen, habe ich umso mehr gespart (knapp 65% meines Nettogehalts), um meine finanzielle Situation abzusichern. Ich weiß  jetzt, dass ich mit dem Geld, was ich angespart habe gut leben kann, aber es wird nicht reichen, um alle meine Reisen zu finanzieren. Daher habe ich mich darum gekümmert Geld während meinem Sabbatjahr zu verdienen. Ich habe die Fotografie in mein Gewerbe eingetragen und mich bei der Handwerkskammer als Fotografin gemeldet. Zudem sind schon die ersten Aufträge für nächstes Jahr eingetrudelt und ich konnte bereits Gespräche mit anderen Unternehmern führen. Womit wir auch schon zum nächsten Punkt kommen.
  • Genehmigungen einholen: Wenn du arbeiten willst während deinem Sabbatjahr, musst du dir dies von deinem Arbeitsgeber auch genehmigen lassen. Denn faktisch besteht euer Vertragsverhältnis während eines Sabbatjahres noch – deswegen muss der Arbeitgeber dies auch absegnen. Frage bei deiner Personalabteilung nach.
  • Sozialversicherungen: Die Krankenversicherung ist ein ganz großes (und teures) Thema im Sabbatjahr. Laut Auskunft der Techniker Krankenkasse kostet dies 170€ / Monat (Stand November 2016). Wenn man noch – so wie ich – ein Gewerbe angemeldet hat, kann der Beitrag noch höher sein, je nachdem wie viel man mit dem Gewerbe verdient. Laut einem Telefonat mit einer TK Mitarbeiterin ist hierbei maßgeblich ob das Gewerbe ein Nebenberuf oder Hauptberuf ist. Hierbei schwankt die Bemesseungsgrenze bei rd. 900€ im Monat. Dazu muss gesagt werden, dass der erste Monat nichts kostet, weil der Arbeitgeber einen danach erst abmeldet. Macht also mindestens 170€*11 = 1.870€ für die Krankenversicherung – ohne Auslandsversicherung! Kann sein, dass dies für euch nicht relevant ist – wenn ihr nur im Ausland seid, dann macht so eine KV natürlich keinen Sinn. Das müsst ihr euch aber selbst informieren, denn für mich ist diese KV relevant.
  • Sonstige Versicherungen: Wer viel reist, der sollte eine Reiserücktrittsversicherung, sowie eine Auslandskrankenversicherung abschließen. Da ich zudem auch noch gerne Meilen sammeln wollte, habe ich mich für die American Express Gold entschieden. Einen sehr hilfreichen Beitrag dazu findet ihr hier.
  • The Return: Klärt vorher ab, wie es abläuft, wenn ihr aus eurem Sabbatjahr zurückkommt. Bekommt ihr genau eure Stelle wieder, werdet ihr ein anderes Thema betreuen, werdet ihr in ein anderes Team wechseln? Das sind alles Dinge, die geklärt werden sollten. Außerdem sollte man sich auch ab und zu bei seinem Arbeitgeber melden und nicht völlig aus der Welt verschwinden. Mit Anwesenheit signalisiert man auch Interesse.

Ich hoffe euch hat der Beitrag gefallen. Fandet ihr ihn hilfreich und informativ? Schreibt mir gerne eine E-Mail oder einen Kommentar, wenn ihr weitere Fragen habt. Ihr könnt einen Post über die Kosten eines Sabbaticals hier finden.


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10 thoughts on “Mein Sabbatjahr – Warum, Weshalb, Wieso?

  1. Hallo Mici,

    ich finde es super mutig, dass du diesen Schritt wagst und dass die Firma sowas ermöglicht. Bisher kannte ich dies nur mit folgendem Modell: man verzichtet einige Jahre auf einen Teil seines Gehaltes und bekommt es im Sabbathjahr ausgezahlt.
    Ich arbeite zwar noch nicht Vollzeit, aber könnte mir auch vorstellen so ein Jahr einzulegen. Ich kann mir gut vorstellen, dass meine Eltern darauf komisch reagieren, welche sie sowas gar nicht kennen. Aber wenn man den Luxus nun mal hat warum nicht 😉 Außerdem wird man die gewonnen Zeit ja nutzen und das ist wichtig.
    Also kurz: ich finde deinen Artikel sehr gut.

    Liebe Grüße Thuy

    1. die version, die du kennst ist eigentlich auch viel besser, weil man ja quasi in der Zeit noch laufendes Gehalt bekommt und es sich vorher „angespart“ hat. Wenn man nämlich das laufende Gehalt bekommt, dann sind Rentenversicherung und Krankenversicherungen etc auch immer noch über die Firma und man spart sich dadurch viele Kosten.

      Aber die Version gibt es bei uns in der Firma (noch) nicht.

      Ja – das stimmt. Meine Eltern haben das erst mal gar nicht so richtig verstanden, weil die gedacht haben, dass man dann gar nicht wieder zurück kommen kann zum job, zuviel vergisst etc. die haben es auch erst geglaubt, dass sowas gar nicht so „schlecht“ ist, nachdem die mit meinem Onkel geredet haben 🙂

      danke dir für den Kommentar!

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